Kammern —›

Kammern

In der Halle sind drei Kammern, die in den jüngst mit Deckenverkleidung und Türen ausgestattet wurden, damit dort fortan Rückzugsorte zur Verfügung stehen, an denen geschlafen oder gearbeitet werden kann.

Wer sind wir? Besucher?

„Besucher.“ Das Wort lässt mich nicht wieder los. Dass man uns Städter Besucher nennt, blieb als Essenz eines Gespräches, in dem es um etwas ganz anderes ging, in mir haften. Die Dame, die zitiert wurde, ist ein friedlicher Mensch, uns Städtern freundlich gesinnt, soweit ich weiß. Es ist überhaupt nicht anzunehmen, dass das ihre Absicht war, was sie ausgelöst hat in mir: Befremden. Gleichzeitig schäme ich mich für mein  Befindlichkeits-irritatiönchen. Allein 51,2 Millionen Menschen befinden sich derzeit auf der Flucht (link) und werden aller Wahrscheinlichkeit nach sehr selten freundlich als Besucher willkommen geheißen. Abgesehen von allem anderen, das sie zu erleiden haben.
Die Häuser am Belower Techentiner Damm sind im 19. Jahrhundert als Häuslereien erbaut worden, um die  Bevölkerung zu binden, die scharenweise in Richtung Amerika abhaute. Das ist nur eine von vielen sichtbaren Erinnerungen an Migrationsbewegungen, die sich auch in Below darstellen. Ich werde nachfragen müssen. Wer sind wir für euch? Welche Rolle dürfen wir im Dorf spielen? Was können wir tun? Ich denke, man nennt uns Wohlstandsmigranten. Nicht weil uns die Kohle aus den Taschen quillt, sondern weil unsere Mobilität es uns ermöglicht, dass wir die Lebensqualität, die sich uns in Below bietet, Teil unseres Alltagslebens werden lassen. Und darum wollen wir dazu gehören, ein Teil von Below sein. Und bleiben.

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Bloggen und Lügen

Die Wahrheit zu sagen gegenüber Leuten aus dem persönlichen Umfeld birgt zweifelsohne eine bestimmte Qualität, die das verlässliche Zusammenleben vereinfacht. Aber dieses Prinzip auf die ganze Welt zu übertragen ist phantasielos, unkreativ und reaktionär. Keinen Menschen da draußen interessiert Deine Wahrheit! Die wollen alle betrogen werden! Mehr noch: sie werden aus deiner Lüge eine Wahrheit katalysieren, so weit gehen ihre Kräfte. Und Du dummes Huhn fürchtest dich vor schlechtem Karma?
Ich erinnere mich gut an den Moment, da mir einleuchtete, dass ich als Künstlerin die Lizenz zum Lügen erhalte und die Spielregeln aufzustellen habe. Sophie Calle zeigt uns auf eindrucksvolle Weise, wie wir vollen Bewusstseins in den Abgrund tappen. Seit dieser Entdeckung ist es mir leider trotzdem nicht gelungen, meine Bezüge zu Wahrheit und Lüge ernsthaft in Frage zu stellen. Der Zauber war da, aber ich war die getreue Ehefrau der Wahrheit und werde es wahrscheinlich immer bleiben und an meine Kinder weitergeben. (Hat ja auch was.) Neulich fand der Sohn im Gebüsch am Parkplatz des Supermarkts ein Handy. Der Akku hatte noch einen Hauch Saft. Ich, rechtschaffene Bürgerin, rufe sofort den letzten Anrufer an und übergebe am Nachmittag das Handy seinem Besitzer. Der Sohn erhält einen Fünfeuroschein Finderlohn. Ein Traum! Sophie Calle dagegen hat sich durch ein gefundenes Adressbuch – und nichts anderes ist ein Handy – auf eine interessante abgründige Recherche begeben, die dazu führte, dass ein Nacktfoto von ihr in der Zeitung abgedruckt wurde. Was für ein Alptraum! Den o.g. Artikel hat die Freundin eines Freundes geschrieben, die ich persönlich kaum kenne, über die ich jedoch vor wenigen Tagen sehr persönliche Details erfahren habe. Ich bleibe bei meinem Schweigegelübde und werde sie hier nicht veröffentlichen. Man sagt, für die Belebung der KHB sei es eine lohnende Investition zu bloggen und hierzu einen Kompromiss zwischen einer Karriere als Stripperin und derjenigen als Opfer der Wahrheit zu suchen. So denn…

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Widersprüchliche Berichte

Im Laufe unserer Bautätigkeiten bekamen wir hier und da spontanen Besuch. Nicht oft leider, ich wünschte, die Menschen hätten nicht so viel Anstand, der sie abhält vorbei zu kommen und zu gucken, was wir da machen. Aber so sind sie halt wohlerzogenen: von feinem Gespür für Distanz und Ordnung. Jedenfalls konnten wir den ein oder anderen doch in die Halle locken, der uns dann aus der Vergangenheit unseres „Adoptivkindes“ zu berichten wusste. Die Rede war zum Beispiel von der Zeit, da die LPG noch die Zügel in der Hand trug. Die einzige warme Dusche im ganzen Dorf fand sich hier und das ganze Dorf kam zum Duschen. Fast verdarb uns der widersprechende Kommentar des nächsten Besuchers den Spaß an dem verrosteten Boiler, von dem wir uns bis heute noch nicht trennen mochten. Unser Faible für Fiktionen ermöglicht es, in der kleinen, süßen Kunsthalle mehrere tausend Realitäten gleichzeitig existieren und sie verschmelzen zu lassen zum unwiderstehlichen, magischen Ort. Also: bringt uns Eure Geschichten, erzählt uns, was ihr wisst!

Holz

Die Mär vom schönen Wald kann nicht aufrecht erhalten werden. Dröhnende Motoren trotzen dem Idyll. Holz machen ist Sport. Und Holz machen ist Handwerk. Archaische Begegnungen mit dem blanken Leben kann man lieben. Schön sind sie nicht immer.

Verschwinden

Das Verschwinden ist ein Phänomen, das mich schon eine Weile beschäftigt. Ich bin ein konservativer Mensch, der sich schwer damit tut, loszulassen und anstelle dessen anzunehmen, was Technik und Bilder versprechen. Es gibt Gründe, warum ich mich habe durchringen können, trotz Widerwillens Textbeiträge zu veröffentlichen, die noch keine drei Monate abgehangen sind. An dieser Stelle sind die Gründe ebenso wurscht wie meine höchstpersönlichen Vorbehalte zu bloggen. Was bleibt, ist das schöne Verschwinden.
Die KHB wurde 1962 als Melkstatt durch die LPG errichtet und als solcher genutzt. Als ich sie vor einigen Jahren entdeckte, war sie Schafstall und schließlich war sie ohne Funktion. Dann haben ein paar Verrückte sich ihrer angenommen und ihr eine Identität als Kunsthalle übergestülpt. Natürlich ist ihre Vergangenheit weiterhin relevant. Und sichtbar. Und genau davon lebt sie. Und sie lebt davon, lebendiger und frischer als all die glatten Bilder in all den glatten Magazinen, die uns davon erzählen sollen, wie das Leben sei. Digitale Bilder und Blogeinträge verschwinden unbemerkt. Analoges vergeht mit großer poetischer Präsenz. Es geht hier nicht um Shabby Schick als städtischer Abgesandter der Landlust.1 Die KHB ist eine alte Dame, die Respekt verdient. Und sie sitzt nicht mit ihrem Smartphone auf dem Flohmarkt in Berlin-Mitte und glänzt mit ihrer aufgebrezelten Patina. Sie ist, wo sie ist. Verschanzt hinter den sanften Hügeln unter den großen Wolken am Rande der Seele des Dorfes. Es gibt viele Gelegenheiten, in der das Leben selbst das beste Foto toppen wird. Ein zaghafter Versuch ist meine Eimerserie „Poesie des Scheiterns“ zusammen mit meinem mit heller Stimme gerufenen Versprechen: die KHB ist ein magischer Ort!

Fotoserien oben: „Poesie des Scheiterns – Eimer zum Auffangen des Regenwassers, das durch das undichte Dach gelangt“, © Stefie Steden 2010
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  1. soweit mir das als Kind meiner Zeit möglich ist

Ansicht Südwest

Wie alles andere auch, hat die süße kleine Kunsthalle verschiedene Gesichter. In den letzten Jahren hat sich baulich einiges getan. Schaut man von Südwest, so fallen Lücken und Löcher ins Auge und schließen sich wieder. Die Bilderserie wird zukünftig ergänzt. Wir sind gespannt, wo die Reise hin geht.

Was machen die Katzen im Winter?

Sie tun ihre Arbeit nicht. (Was das für Auswirkungen auf die Nagerpopulationen hat, lassen wir mal im Verborgenen.) Ich nehme an die Katzen schlafen. Doch leider müssen sie demnächst aus dem Schuppen-Anbau der Halle ausziehen, denn wir haben dort endlich die vorletzte Aufräum-Etappe umgesetzt und sie finden keinen warmen Platz mehr zwischen Überbleibseln aus Ställen und Baustellen. Zuviel Struktur tut niemandem gut. Tut mir leid, Katzen! Ihr müsst den Fahrzeugen weichen, die sich zukünftig im Schuppen breit machen wollen. Wie im echten Leben: alles muss den Fahrzeugen weichen. Den Wagen und ihren Wegen. Uns gehts ja nicht besser. Die schöne kleine Kurze Straße ist auch nicht mehr das, was sie mal war. Im Moment noch werfen die Bagger alles durcheinander, aber schon bald wird die Holper-Idylle verschwunden sein zugunsten einer stromlinienförmigen Verkehrsader, von der die Raser nur träumen können. Wenn Euch, liebe Katzen, unsere Räumungsklage bis dahin noch nicht erledigt hat und aus der 30er-Zone nichts wird, so bietet sich zukünftig hier die Gelegenheit, die Kurve zu kratzen.

2015-01-11 10.50.20

Dramaqueen

Im Winter zeigt sich ihr wahres Gesicht: sie ist eine Dramaqueen, die Kunsthalle. Aber wir lassen uns nicht einschüchtern und drücken die Daumen, dass es bald Frühling wird. Dann geht es weiter mit allerlei Begegnungen.