Schmerz

„Das Abwesend-Sein ist ein Grundbestandteil des menschlichen Daseins.“1

„Ich bin keine Heldin, beim Zahnarzt habe ich immer auf eine große Dosis Schmerzmittel bestanden, aber zwei mal war es anders, zwei mal war mir der Schmerz willkommen:
Als ich mein Kind im vierten Monat verlor, war der normale Impuls der Mediziner, mich zu narkotisieren und eine Ausschabung vorzunehmen. Ich verneinte. Ich wollte die Geburtsschmerzen erleben. Ich wollte Wehen. Die Schmerzen, die mich zwei Jahre zuvor mit der Ankunft meines Sohnes beschenkt hatten. Ich wollte in den Schmerzen die Präsenz der Natur in meinem Körper erleben. Die Natur, die mir einmal so viel Freude geschenkt hatte und nun so viel Traurigkeit. Ich wollte den Schmerz, der unwiderruflich anzeigte, dass etwas Großes in meinem Körper seinen Lauf nahm, das nicht nur eine Fiktion war. Es sollte eine wahre Geschichte sein durch den Schmerz.
Viele Jahre später liege ich im Krankenhaus mit einem zerstörten Knie. Die Operation liegt hinter mir, man reicht mir händeweise Schmerzmittel. Ich mache keinen Gebrauch davon, nehme die Schmerzen an, weil er den Heilungsprozess illustriert. Ich bin so fassungslos, wie dieses fast ausgerissene Hühnerbein wieder zu dem zurückfinden soll, das das andere Bein daneben ist. Spürte ich keinen Schmerz, so könnte ich nicht darauf vertrauen, dass etwas passiert in meinem Bein, dass etwas arbeitet, dass etwas kämpft. Insofern bin ich dankbar für den Schmerz, der mich daran Anteil nehmen lässt. Weil ich ganz tief in mir darauf vertrauen kann, dass alles wieder gut wird.“

Iken Sefer begegnete sich im Belower Wald, 2.10.2017
Sie dankt A.

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  1. Richard Sennett, Zusammenarbeit, S. 246