Parallelprotokoll Café

Er dreht die Flasche zu – Hallo. Leise Musik und Wasserplätschern – tippen, ganz dünn, Geschirr, das Baby recht Eon, ein Löffel im Kaffeeglas. Schlott-schlott-schlott, der Apfelsaft landet beherzt in seiner Karaffe. Ein kleiner Laut aus Kleinkindkehle. Glucksende Mutterlaute. Singsang halbstarker Hippies aus den Boxen. Energisch in den Holzbehälter geschlagener Kaffeesatz. jetzt fängt das program schon naseweis an selbst zu nummerieren das geht ja gut los. Aufregung, unruhe, verspannung im rücken, feinstaub im gehirn. links klappert Kollegins tastatur klappert meine auch? Insgesamt ruhg. Bestandsaufnahme, wieviele leute im café? ach keine lust. Ist das überhaupt wichtig? Um was geht’s denn hier? Rechts vorn vor der kaffeemaschine sitzen zwei mütter, ein kleines kind kräht fröhlich . Leichte panik: die mutter kenn ich vom sehen, die sitzt auch manchmal in café m. wird das hier jetzt auch zum kleinkindercafé bitte bitte nicht. ah jetzt kommt die große apfelschorle die ist aber echt groß wie ein hefeweizen. Rechts neben mir am tisch der typ packt zusammen, kurzes schwätzchen mit seinem nachbarn am tisch daneben. A: „Zufrieden mit der jacke? Ich hab schon öfter mal überlegt, was ich mir da so kaufen soll, welche qualität.“ b: „ich bin ganz zufrieden mit der, wenn’s nicht allzu kalt ist.“ a: „also ich hab total viele jacken, die dann total schnell speckig werden.“ b: „also, so zwei jahre hält die schon.“ a „na dann noch nen schönen tag, was machst du noch so?“ b: „Ich geh jetzt erst mal einkaufen…“  bin etwas schockiert ob der banalität des dialogs. Red ich auch so zeug, wenn ich jemanden im café treffe? Jetzt geht’s um bundesliga. Jaaaa… Ein Mann mit Baskenmütze und irischen Wollpulli im Sessel auf dem Podest tippt auch. Poster mit Gehörgang. Hast du noch einen Wunsch? So, der Biedermeistekaffee. Auch noch ein schwarzer Hund auf dem Sofa, Wand gebaut, genießt. Kippeln – mach das beste draus. Zufrieden mit der Suppe? Qualität wenn es ganz kalt ist, sieht man noch was drunter – bisher ganz okay. Also ich habe… ganz schnell speckig werden – Outdoordorf 4000 angeblich unverwüstlich – also, zwei drei Jahre. Handy – lange, lange rote Haare. Meins ist gerade im freien Fall – umgekehrt – auswärts gegen Leipzig. Das Baby meldet sich immer wieder. Ein Mann, den ich unglückseliger Weise kenne, und bereits mit dem Stempel “unsympathisch” versehen habe, trägt englische Mütze und tippt behende in sein Laptop. Wie man uns 3 schreibende Grazien wohl wahrnimmt? Ihm gegenüber sitzt ein Mädchen, das 20 Zentimeter vor ihre Augen ein Smartphone hält. Der Kellner stellt ein Heißgetränk auf den Tisch der protokollierenden Kollegin 1. In der Mitte ein Klacks Schlagsahne. In den 80ern konnte man damit noch die Verbindung nach Italien herstellen: Cappuchino. Das geht heute nicht mehr. Ein anderer Mann, der eben noch in ein auffallend kleines Laptop tippte, erhebt sich und hüllt sich in eine dunkle Jacke. Er führt lockeren Smalltalk mit dem mit der Mütze. Seine Rechte in der Jackentasche. Was drückt er damit aus? „Mir ist danach das Gespräch fortzusetzen?“ Oder das glatte Gegenteil? „Na, dann, einen schönen Tag noch.“ Erleichtert höre ich die Worte, die mich aus einer langweiligen Beobachtung erlösen. Aber man quasselt leider doch weiter. Die Rechte ist jetzt in der Hosentasche gelandet. Die Frau in der Nähe des Kleinkinds spricht munter auf ihre Tischnachbarin ein, während diese nicht abbricht in ihr Laptop zu schauen und über das Trackpad Befehle  zu erteilen. Das kind kräht jetzt lauter, unfroher. Denke an Täuflinge, die die Veranstaltung durch lautes Brüllen sprengen. Die typen reden lauter. Der Knabe in der Jacke soll endich gehen, das ist total ungemütlich, wie der in Hut und Mantel hier neben mir steht und labert. Geht zur Tür, kurzer Blickkontakt, wirkt etwas peinlich berührt. Kind weint jetzt regelrecht. Mutter beugt sich beschwichtigend. Nochmal zurück zu den beiden müttern . Ich komm hier zu nix, denke schneller als ich wahrnehme. Die eine Frau – einzige Frauenstimme im Raum – erläutert ihrer Tischgefährtin etwas auf einer google maps-Karte an aggressiv hochglänzendem Laptopbildschirm. Glas mit Schleife – türkis und creme. Das ist das, was dann auch mental die Auto ein bisschen lenkt – hat Spaß gemacht? Viel Spaß beim Singen – Emma, tritt doch bitte nicht die ganze Zeit dagegen… Kaffeemaschine. Rücken halten beim hinsetzen. Tür auf – Wollmütze – aufschäumen – hallo… Bist du vom Institut für ländliche Schönheit… Und kannst du hier noch kurz die Idee? ein weiterer Mann kommt dazu zu unserem schreib-event! Setzt sich zu Kollegin und fängt an zu plaudern. Kollegin erklärt freundlich, ich versteh nicht, was sie genau sagt. Das stört ja nun irgendwie die andacht oder ist es nicht eigentlich auch egal. Musik bisschen altbacken mir purzelt hier die Reihenfolge durcheinander, weil so vieles gleichzeitig passiert. Poesiealbum. Dieter. Mucke. Alte Industrie Fotos auf pink (Berlin?) Luftangriff auf Laptop schwarz und braune Stühle, beige Sessel, graues Podest. Sehr kleines Gesicht unter schwarzer Mütze an der Theke. Fall aus dem Schlager Lars. Jemand betritt das Lokal und bleibt stehen. Er schaut mich an. Ich grüße nickend und schreibe weiter. Dann fällt der Groschen. Es ist der vierte Protokollant unserer Gruppe. Wir besprechen kurz die Bedingungen und ich haue wieder in die Tasten. Ich stutze, habe den Faden verloren, beschließe diesem Umstand aufzugreifen. Ich raffe gebe mir einen Ruck und wende mich den Damentisch zu. Die Nicht-Mutter schenkt jetzt größere Teile ihrer Aufmerksamkeit der Kollegin, während die Mutter sich nur noch dem mittlerweile heulenden Kleinkind zuwendet. Die Nicht-Mutter nimmt ihr Smartphone und berührt zart mit dem Zeigefinger dessen Oberfläche. Das Kind landet auf Mutters Schoß und gibt Ruhe, die Freundschaft ist wieder hergestellt. Baby reckt zufrieden aber doch nicht? Müde? Jetzt weint es. Gedrehtes schwarzes rundes Tablett. Jetzt raus aus dem Maxi Cosi – Martinshorn. Auf dem Schoß ist es sehr noch und zufrieden, eindeutig ein Mädchen, unterhält sich mit dem Handy. Dann wird es weiter ausgezogen, lila Plüschanzug. Es braucht Zeit zum anlegen. Emma, kannst du bitte dich da hinsetzen, die Füße da hinmachen – Stiefel sind jetzt aus, lila blaue Socken, Baby in Tragesack. Kannst du noch die Rechnung für … machen? Das Gesicht ist beim Aufräumen in (Papier, Laptop) viel verkniffener als vorher beim zeigen und reden, da war es schön. Ich warte draußen auf dich Kleingeldgeklimper. Der Neuankömmling unserer Schreibrunde wechselt nach kurzer Erklärung-Entschuldigung den Tisch, sitzt jetzt mir gegenüber im Raum, nur im kurzärmligen T-Shirt. Denke wow da würd ich aber frieren. Männer haben anderen Wärmehaushalt, wie im ICE. Mann rechts neben mir weist seine Tochter zurecht, tippt auf seine Laptop. Eine gemütliche dreinwirkende Jugendliche liegt in Socken auf einem gepolstertem Stuhl, ihre Füße finden auf der unteren Ablage alles Beistelltischchen Platz. In der Ecke verborgen, dort, wo ich sonst immer sitze, wenn ich nicht da sitze, wo ich jetzt sitze, sitzt ein altersloser, geschlechtsloser Mensch und mümmelt Müsli in sich hinein. Vor mir der neue Protokollant. Er benutzt kein Laptop, sondern hat ein paar einzelne A4-Blätter mittig geknickt und beschreibt sie mit einem schwarzen Kulli. Er schreibt stockend. Sendet lange Blicke in den Raum. Ich mache daraus, dass er noch kein geübter Protokollant im öffentlichen Raum ist und rechne gleichzeitig damit dass ich es unbemerkt mit einem weltberühmten Lyriker zu tun habe. Jetzt rast sein Stift über das Papier und seine Miene entspannt sich. Warum hat die geigende Bekannte beim Musizieren immer so eine schlimme Gesichtsentgleisung? Und auch ich erschrecke mich manchmal furchtbar, wenn mein Blick mitten im Arbeitsprozess versehentlich durch die Webcam gespiegelt wird. Zurück in’s Café. Das Kleinkind ist verschwunden, das Sofa der Nicht-Mutter von einem barttragenden Mann eingenommen. Der neue Protokollant hat keinen Vollbart, es ist fast ein Alleinstellungsmerkmal. Meine Protokollantinnenkollegin 1 verbringt jeden einzelnen Moment mit dem Ausfüllen einer um die andere Zeile. Ihre Körperhaltung ist die ganze Zeit identisch. Von der weiteren Protokollantinnenkollegin 2. Nehme ich rein gar nichts wahr, ich sehe sie nur, wenn ich mich recke und offenbar scheint das Tippen in ein Laptop eine quasi verunsichtbarende Tätigkeit zu sein. Der in sein Laptop tippede Mann ihr gegenüber mit einer Schirmmütze versehen, fordert sie dazu auf, ihre Liegeposition zugunsten einer Sitzposition aufzugeben. Die Jugendliche kommt dieser Aufforderung nach. Apfelschorle kalt, eigentlich viel zu viel. Mütter (wieso eigentlich „Mütter“?) Es hat doch nur eine ein Kind dabei oh ein kleiner schwarzer Hund springt da auch noch rum! Verlassen jetzt das Café. Schwarzer Hund bettelt und wartet. Räumt den Tisch ab. Stehend ist der Hund viel kleiner – Martinshorn – als auf dem Sofa. Alle in gedeckten Farben. Neuer Kunde in lila Hoodie. Tschuldigung, hast du noch ein Feuerzeug? Die Tür furzt beim Schließen. Schwarz-gelbe Strohhalme. Wasser in der Karaffe. Er guckt beim Trinken in die Runde. Kuchen schneiden mit farblich passendem Messer, zur Musik, die ist jetzt schneller, vielleicht auch lauter. Rauschzischen der Kaffeemaschine, laut und lange. Ein neuer Gast betritt das Café. Steuert zielsicher auf den freigewordenen Nischentisch der.. Mütter zu, legt seine Jacke auf Sofa, bevor er sich an den Tresen stellt. Mal den Blick erheben denke ich ich glotz eigentlich nur auf meinen Bildschirm, kriege nichts mit überfordert von vielfalt der ereignisse. jetzt spricht gerade gar keiner. Barkeeper schneidet Käsekuchen, angedeutetes Headbangen zur Musik. Kaffeemaschine dröhnt los, irgendwie gut dann ist die Stille nicht so laut ich höre meine Tastatur nicht so laut klappern seltsames Gefühl von Entlastung Entspannung. Links vorn: jüngeres Paar(?) Novemberrevolution – Kreuz und Kruzifix – Mittel Handy und sehr runde Brille, da sieht er wieder aus, Tür auf reingucken, rausgucken, ok. Reinwirken, reingucken, doch gehen. Emma beobachtet auch Leute.  Hallo na? Kein Platz mehr. Da setzt sich. Kollegins Handy Wecker. Das ist Earl Grey. Spülmaschine. Emma. Nasen- und Ohrringe, oben im Ohrrand Stulpen, Mütze, Halstuch, aber hochgezogene Ärmel. Wie lange jetzt insgesamt, würdest du sagen? Noch einmal was so’n. Haferschleim gekocht die waren nur so alle krank… Schöne alte Gobelintasche, schwarz mit Rosen und Hagebutte (passend zur grauen Cordhose) Zimt- und Zucker-Gläser wie Turmdenkmäler auf jedem Tisch. Die besockten Füße der nun sitzen Jugendlichen sind auf die untere Ablage des Beistelltisch zurückgekehrt. Parallel zu all den bisherigen Handlungen ist der Blick der Jugendlichen fortwährend auf den Bildschirm Ihres Handys gerichtet, was ein geistesabwesend Eindruck hinterlässt, nicht zuletzt, da sie auch im Moment der Aufforderung von gegenüber nicht auf blickt.  Tür auf, Mann und Mädel betreten nach und nach das Café, enttäuschter Blick in die Runde, gehen wieder, obwohl noch zwei Tische frei sind. Von draußen tatü tata, Tür schließt sich mit einer Art Verdauungsgeräusch denke ein Tropfen Öl würde vermutlich reichen. Ein weiterer Bartträger betritt das Lokal, die Frau mit Kleinkind an seiner Seite pfeift ihn zurück, sie ziehen ab. Stattdessen erscheint wieder ein Bekannter im Raum, der der Geschlechts-und Alterslosen in der Ecke jetzt Geschlecht und Alter verleiht, indem sie ihn begrüßt. „Earl Grey“ wird geordert. Das Mädchen hat die Entfernung des Smartphones auf 22 Zentimeter vor ihre Augen erhöht. Der Vater mit Mütze sitzt und tippt sich zu einem Denkmal. Der Mann am Tisch gegenüber ist kleiner als seine Gefährtin, erfahre ich, da sie sich erheben. Ich mag diese Konstellation seit ich mit 14 meine Reitlehrerin kennenlernte, die ihren Mann um einen energischen Kopf überragte. Blick auf versonnene Miene des hinzugekommene Mitschreibenden. lasse Blick schweifen genervt davon, dass ich keinen Faden weiterverfolge. Also: jüngeres Paar (?) links vorn, Mann schreibt in A5-Heft, Mädchen gegenüber ins Smartphone vertieft, grinst hin und wieder ins Smartphone. Denke boh ist das anstrengend. Am Müttertisch sitzt der neue Besetzer vor dem headbangend abgeschnittenen Stück Käsekuchen. Darüber hängt eine Leuchte unter einem Regal, die ist mir noch nie aufgefallen. Sie beleuchtet etwas indirekt, aber da ist gar nichts was man beleuchten könnte. Vater rechts neben mir UND STOP Leider muss ich den Fluss jetzt abrupt stoppen. Dazu läutet es einen sanft-flauschigen Abschlussklang aus der Standuhr. Au revoir. (Auf französisch für Kollegin 2) Standuhr schlägt – mitteilen. Willst du vielleicht mit auf den Markt, einen Fisch essen?
© kulturgymnastik e.V. 2018

Lücke

Es gab schon einige Meilensteine in der Baustellengeschichte der KHB, diese macht besondere Freude. Denn es ereignete sich wie folgt… Es war einmal ein Kessel, groß, schwer, rundum-verrostet und in zwei Metern Höhe an der Wand stolzierend bzw. drohend. Als der Beschluss gefasst werden musste, dass das Ding weichen muss, standen zahlreiche baustelleninteressierte Experten herum und überlegten, wie man das Monster bezwingen könne. Ebenso zahlreiche Lösungsvorschläge beschleunigten nicht den Lösungsprozess. Stattdessen trat man beim nächsten „Treffpunkt KHB“ an mich heran, man kenne da jemanden… gesagt, getan. Noch bevor die nächste Woche verstrichen war, ohne jedes Strömchen, zauberte in meiner Abwesenheit ein alter Zauberer das Monster fort. Bis heute ist er mir unbekannt. Bis heute ist mir unklar, wie er das geschafft hat. Ab heute freue ich mich auf das, was dort in den nächsten Wochen wachsen wird: eine Waschküche für die KHB.