stören und unterstützen

Ein Besuch an der Nordsee im Frühsommer ließ mich dort draußen im Watt diese Dinger liegen sehen. Große, hässliche Eumel, die dort nicht durch Zufall liegen oder vergessen worden sein konnten neben der ansonsten so wohlsortierten Touristen-Insel. Später im Museum der guten, alten Hermann Lietz Schule lichtete sich die Unwissenheit und ich lernte, worum es ging. Siehe Bild. Zwei Wörter aus dem Text haben mir sehr gut gefallen und sich mir eingeprägt: stören und unterstützen. Ist es nicht genau das, was fruchtbare Gemeinschaften und partizipative Kunst ausmacht? Ist es nicht genau das, wofür ich meine Kinder so liebe? Ist es nicht das, wieso ich zimmerreise oder auf diese Kunsthalle Below am schönsten Ende der Welt schwöre?
Ich nehme mir diese Fragen zu Herzen und gelobe dafür zu sorgen, dass im Institut für ländliche Schönheit noch mehr gestört und unterstützt wird, spätestens nächsten Sommer. Danke, Wissenschaft!
Adi Looper, 2017

Interessierte Kollegen können mir gerne mailen an adi@kunsthallebelow.de

Schmerz

„Das Abwesend-Sein ist ein Grundbestandteil des menschlichen Daseins.“1
„Ich bin keine Heldin, beim Zahnarzt habe ich immer auf eine große Dosis Schmerzmittel bestanden, aber zwei mal war es anders, zwei mal war mir der Schmerz willkommen:
Als ich mein Kind im vierten Monat verlor, war der normale Impuls der Mediziner, mich zu narkotisieren und eine Ausschabung vorzunehmen. Ich verneinte. Ich wollte die Geburtsschmerzen erleben. Ich wollte Wehen. Die Schmerzen, die mich zwei Jahre zuvor mit der Ankunft meines Sohnes beschenkt hatten. Ich wollte in den Schmerzen die Präsenz der Natur in meinem Körper erleben. Die Natur, die mir einmal so viel Freude geschenkt hatte und nun so viel Traurigkeit. Ich wollte den Schmerz, der unwiderruflich anzeigte, dass etwas Großes in meinem Körper seinen Lauf nahm, das nicht nur eine Fiktion war. Es sollte eine wahre Geschichte sein durch den Schmerz.
Viele Jahre später liege ich im Krankenhaus mit einem zerstörten Knie. Die Operation liegt hinter mir, man reicht mir händeweise Schmerzmittel. Ich mache keinen Gebrauch davon, nehme die Schmerzen an, weil er den Heilungsprozess illustriert. Ich bin so fassungslos, wie dieses fast ausgerissene Hühnerbein wieder zu dem zurückfinden soll, das das andere Bein daneben ist. Spürte ich keinen Schmerz, so könnte ich nicht darauf vertrauen, dass etwas passiert in meinem Bein, dass etwas arbeitet, dass etwas kämpft. Insofern bin ich dankbar für den Schmerz, der mich daran Anteil nehmen lässt. Weil ich ganz tief in mir darauf vertrauen kann, dass alles wieder gut wird.“


Iken Sefer begegnete sich im Belower Wald, 2.10.2017
Sie dankt A.

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  1. Richard Sennett, Zusammenarbeit, S. 246

Kleine Geborgenheiten & großes Theater – das Zimmerreisen

Zu Besuch bei Adi Looper befragen wir sie zu ihrem Projekt Zimmerreisen.

Stefie: Was macht ihr da beim Zimmerreisen?
Adi: Wir knacken die Geste des Reisens. Anstatt Exotik entdecken wir die nahe Ferne. Im Falle der Zimmerreisen befindet sich die Ferne nicht sehr weit weg, möglicherweise nur ein paar Häuser weiter. Wir brechen auf, verlassen den Raum der Gewohnheit, gehen dorthin, wo wir zuvor noch nie waren, an den damit exotischen Ort. Wir gehen dorthin einzig und allein, um uns dort umzuschauen. Und das ist der zweite wesentliche Aspekt des Reisens: die besondere Wahrnehmung. Denn wir schauen am Reiseziel ganz genau hin, viel genauer als im Alltag oder in den Grenzen der Konventionen des Gastseins. Wir kommen als Fremde und gucken uns als Zimmerreisende hemmungslos an, wo wir da gelandet sind.
Stefie: Ihr seid dicht am Voyeurismus.
Adi: Natürlich geht es um die Lust am Schauen und auch um die am Sich-Zeigen. Aber es geht neben dem Reisen auch um ganz normale gesunde Begegnungen zwischen Menschen. Und die haben automatisch Anteile des Schauens und Sich-Zeigens. Wichtig ist natürlich, was wir im Rahmen des Projekts öffentlich werden lassen und dass die Anonymität immer gewahrt ist. Und das nicht nur aus Pietät, sondern als künstlerische Mittel. Ich will ja Typen zeigen, nicht Individuen.
Stefie: Ok, das soll heißen?
Adi: Das ist mein persönlicher Fokus beim Zimmerreisen. Ich will etwas sichtbar machen, bzw. aufdecken. Die anonyme Darstellung erlaubt es mir, erbarmungslos hinter die Selbstinszenierung zu schauen, die gestalteter Wohnraum ja auch immer gleichzeitig ist. Mich interessiert nicht das Bestätigen von Life-Style, sondern ein subversives Unterwandern des Images, das wir mit der Gestaltung unseres Wohnraums zu erreichen suchen. Und da wird es doch gerade interessant. Gerade die Abseiten zeichnen in ihrer Verletzlichkeit ein klares Bild des zeitgenössischen Lebens überhaupt.
Stefie: Und du bist dann diejenige, die das beurteilen kann?
Adi: Ja, das wäre schön. (lacht) Nein, natürlich bringe ich auch immer meine eigene Misere mit ins Rennen. Und mit dieser erlebe ich dann meine Reise. Aber da das Zimmerreisen eine gemeinsame Sache ist, die getragen wird von der Gruppe und den anderen Zimmerreisen, steht die Haltung, mit der jeder Zimmerreisende aufbricht, in einem bestimmten Geiste.
Stefie: Aha, ein bestimmter Geist, eine gemeinsame Sache… Inwiefern?
Adi: Zweierlei. Ich könnte ja einfach losziehen, mir fremde Wohnungen anschauen und Reiseberichte davon machen – festhalten, was ich erlebt habe. Das reicht mir aber nicht. Denn mein persönlicher Blick auf die Dinge kann nicht weit genug führen. Ich möchte diese sehr subjektiven Eindrücke ergänzen durch die Blicke anderer und ihr Reiseerleben. Mehrere Stimmen entkräften das Zuviel der Subjektivität. Außerdem kann mein Blick sich Im Austausch viel gezielter entwickeln und das will ich mir nicht entgehen lassen. Die Reisen der anderen sind ebenso interessant wie meine eigenen. Für mich persönlich und für das Arbeitsergebnis. Darum reisen wir in Gruppen.
Stefie: Du hast also keinen sachlichen Dokumentationsanspruch.
Adi: Nein, zum Glück nicht. (lacht) Die Gruppe gibt mir die Freiheit, unsachlich zu sein. Und Zimmerreisen müssen ja auch sehr persönlich sein – es geht um Privates, den Wohnraum – und deshalb ist auch ihr Output sehr persönlich. Daneben ist es natürlich schon so, dass eine gewisse Professionalisierung nicht ausbleibt. Man entwickelt sich im Reisen. Wie Reinhold Messner am Berg. Zimmerreisende auf ihrer ersten Reise überraschen sich häufiger selbst in ihrem Erleben und auch in ihrem Reisebericht. Um so interessanter ist es für alle Beteiligten.
Stefie: Reisebericht?
Adi: So nenne ich zusammenfassend die „Dokumentationsformen“. Bilder, Texte, Video, Audio, Erzählen, was so reinkommt. Jeder benutzt die Medien, die ihm am liebsten sind. Aber jetzt wird das hier gerade eine Gebrauchsanweisung. Kann man nachlesen auf der Website zr.kunsthallebelow.de, glaube ich.
Stefie: Ok, dann erstmal vielen dank für die Einblicke!
Adi: Bitte! Mach doch auch mal mit! ;-) (lacht)

Mit dem Moped zum Baden

Wir erfahren, dass zwei unserer Künstlerinnen unabhängig voneinander ihre Badeausflüge zum Anlass für schöne Notizen genommen haben und freuen uns, sie hier veröffentlichen zu können.

Eins:

mit-dem-Moped-zum-Baden
Zwei:
Der Motor brummt mir bis in den Bauch.
Ich lehne mich in die weiche Umarmung des Windes.
Meine Augen tanzen mit der Geschwindigkeit,
kleine Bewegungen
halten mich und mein Moped im Tonus, im Gleichgewicht, in der Spur.
Unversehens
tauchen wir durch eine Wolke aus Duft,
und schon ist sie verschwunden.
Auf der Kuppe
springen wir in die Kühle des Wäldchens,
in gleißendes Flackern – schwarz und weiß.
Die Sonne bohrt ihre spitzen Strahlen durch die Baumkronen,
ringt mit der Dunkelheit.
Hinaus.
Ein Schimmer Blau auf sanftem Grün.
Eine letzte Gerade
saust an uns vorbei.
Ich setze den Blinker, verlasse die Fahrbahn, stoppe den Motor, setze den Helm ab.
Trete hervor aus meinem Versteck Geschwindigkeit,
um zwei Handgriffe später wieder einzutauchen in die kühle Dunkelheit
Loslassen.
Meine Bewegungen
füllen den Raum um mich.
Die weiche Berührung des Wassers.
Aus der Summe von Gedanken und Funktionen wird ein Körper,
der ein Freund ist.
Der ich ist.
Die glatte, glänzende Oberfläche
vor, neben, um mich
spiegelt die Luft, den Himmel, den Raum.
Unendlichkeit, bis in die Zehenspitzen.
Ein Wind geht. Der Spiegel trübt sich.
Ich schwimme dorthin,
wo er noch glänzt,
blicke in die Tiefe,
spüre die Kühle an meinen Füßen.
Höhenschwindel – wilde Wassermonster streifen mein Bewusstsein,
gebrochenes Licht umkränzt den Schatten meines Körpers
mit dem Strahlen von Heiligenbildern.
(Hier enden die Aufzeichnungen. Anmerkung der Redaktion: die Autorin hat heile das Wasser verlassen und ist wenig später unbeschadet nach Below zurückgekommen.)

Brot – ein Ausblick

Vor wenigen Monaten stand ich in der sommerlich-warmen Idylle und es grauste mich vor der Kralle des Winters, die unweigerlich kommen und mir bei klirrender Kälte meine große Tochter entreißen würde.  Seit dem Sommer beschäftigt mich der Gedanke eines Ofens für die KHB und die damit verbundene Weigerung, die Halle dem Kältemonster zu übergeben.
Nun gut, ich habe den Wettlauf mit dem Monster erst einmal gewonnen. Die Wiederbelebung des Schlots ist dank Olafs und Marinas Hilfe in den Herbstferien gelungen. Das Anschließen der Ofenrohre und das Abtrennen eines Wärmeraumes waren – gemessen an den Bauarbeiten auf dem Dach – ein Spaziergang. Den herbeigesehnten Moment des Entzündens und Testens erlebten wir andächtig gemeinsam am Kamin mit Kerzenschein und Schokolade. Wir bringen eine Temperatur zustande, die uns mit gutem Willen und dickem Pullover den Platz halten lässt.
Der für mich größte Moment ereignete sich in der Woche darauf: befeuert durch unsere Musik sollte im weiteren Verlauf des Abends der Ofen das Brot backen, das wir gemeinsam zur Suppe reichen würden. Ein Sommergast der KHB, hatte mir das Geheimnis verraten, das mir das zeitgemäße Backen des täglichen Brotes in meinem dicht gepackten Alltag ermöglichen sollte: Teig ohne Kneten.1 Mit Beginn der Heizperiode hatte ich in der häuslichen Küchenhexe erste gute und leckere Erfahrungen damit gesammelt. Seitdem sauge ich Berichte und Erörterungen zur reichen mythologischen Relevanz der großen Alltagssubstanz in mich auf, um erwartungsvoll zur Halle zu sehnen und dort endlich die Früchte unserer Arbeit gemeinsam mit Gästen essen zu können. Es kam, wie es kommen musste. An dem Tag ging der Teig in die Hose, meine Rettungsbemühungen im Abseits zogen sich hin und als ich zurück zur Halle kam, im Begriff, die für mich heilige Handlung des Backens zu vollziehen, stand der Backofen offen, um seine Wärme an den Raum abzugeben. Das Ritual war jäh unterbrochen, ich wütend und der Ofen trotzdem viel zu heiß. Das Brot verbrannte von unten ehe es von oben richtig durch war.  Wir ließen es uns trotzdem schmecken.
Ich brenne auf die nächsten Erfahrungen mit dem launischen Gesellen, dessen raue Hitze ich eines Tages in eine fruchtbare Brutstätte köstlicher Laiber verwandeln werde. Leider noch nicht diesen Samstag, denn die familiären Verpflichtungen der Vorweihnachtszeit fordern ihren Tribut. Aber am 19.12.2015 wieder im Glanz der Musik ab 17 Uhr und zur Suppe dann ab 19 Uhr.
Kommt zahlreich, im Gepäck gern ein Scheit Holz für unser Backfeuer! Samstag, 19.12.2015, 17/19 Uhr

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  1. Es fällt mir inzwischen schwer daran zu glauben, dass diese Errungenschaft eine Erkenntnis moderner Zeiten sein soll. Einen Spott auf all die idiotischen Experten, die behaupten, Teig müsse geknetet werden bis einem die Arme abfallen. Wer mir Hinweise auf ältere Traditionen der Verwendung ungekneteten Teigs gibt, lebe hoch!

Schwalben

Nach der ersten Nistperiode bin ich jetzt wieder fertig mit der Städterromantik. Ja, sie sind süß. Ja, sie sind hübsch und flink. Ja, sie zwitschern mit zarten Stimmchen. Ja, wahrscheinlich haben wir es ihnen zu verdanken, dass uns so wenig Mücken nerven. Und ja, sie fliegen um die halbe Welt, um genau dort, ganz genau da in der Kunsthalle Below feierlich ihre Kinder zu kriegen und zu erziehen. Aber die Viecher scheißen alles voll! Erst sammelt sich unter dem Nest ein erheblicher Haufen und wenn die kleinen flügge werden, aber noch nicht rasant genug für das große Abenteuer sind, dann sitzen sie in geschwätzigen Grüppchen im Gebälk und lassen ohne Pause ihre Hinterlassenschaften auf Tische, Stühle, Teppiche, Sofas fallen. Oder sie fegen mit erheblichem Schwung durch den Raum und an Wänden und Bildern entlang, die dann gestreift hinterlassen werden. So war das nicht gemeint, als ich vor ein paar Wochen dem nicht enden wollenden niedlichen Ringen der virtuosen Flieger nachgegeben und ihnen dauerhaft ein Fenster geöffnet habe, damit sie blitzschnell mit einer Art Beton ihr Nest an die Wand klebten. Die Kunsthalle Below ist kein Stall mehr, es tut mir leid, ihr kleinen Schweinchen!

Lücke

Es gab schon einige Meilensteine in der Baustellengeschichte der KHB, diese macht besondere Freude. Denn es ereignete sich wie folgt… Es war einmal ein Kessel, groß, schwer, rundum-verrostet und in zwei Metern Höhe an der Wand stolzierend bzw. drohend. Als der Beschluss gefasst werden musste, dass das Ding weichen muss, standen zahlreiche baustelleninteressierte Experten herum und überlegten, wie man das Monster bezwingen könne. Ebenso zahlreiche Lösungsvorschläge beschleunigten nicht den Lösungsprozess. Stattdessen trat man beim nächsten „Treffpunkt KHB“ an mich heran, man kenne da jemanden… gesagt, getan. Noch bevor die nächste Woche verstrichen war, ohne jedes Strömchen, zauberte in meiner Abwesenheit ein alter Zauberer das Monster fort. Bis heute ist er mir unbekannt. Bis heute ist mir unklar, wie er das geschafft hat. Ab heute freue ich mich auf das, was dort in den nächsten Wochen wachsen wird: eine Waschküche für die KHB.

Madonna!

Kunsthalle Below. A kommt vorbei. Er habe ein Bild für mich. Es sei zu groß, er könne es nicht allein tragen. Tausend andere Dinge reißen an meiner Aufmerksamkeit. Ich erledige einiges und entscheide in letztmöglicher Minute hinzufahren. Er zeigt mir seine Werkstatt, in der mit beeindruckender Akribie die Ordnung mich in ihren Bann zieht. Das Wohnhaus ist eine schöne, lehmige Baustelle. Die Wohnung im Nebengebäude ist wunderbar, an der Wand ein Generationen umfassendes Familienbild. Wir fahren zum Grundstück von B. Hinter einer  handvoll grauer Nebengebäude öffnet er ein Vorhängeschloss, hinter allerlei Krempel zieht er ein riesiges Bild hervor. Maria schielt entrückt gen Himmel, sie steht, nein eher hängt sie, in Wolken. Zweiunddreißig Engel umringen sie. An ihren Füßen eine Art bronzener Halbmond, den ich nicht verstehe. „Immaculée Conception“. Volltreffer! Maria! Das Bild ist großartig. Und es ist schwer und riesig und geborgen in einem breiten goldenen, leicht beschädigten Rahmen. Auf meine Andeutung von Ähnlichkeiten zwischen Maria und mir zuckt A mit den Achseln. Wir laden ein. Im Vorbeifahren passieren wir weitere Schätze. Meine Gedanken überschlagen sich vor Begeisterung über die goldenen Einblicke in diese Kosmen geheimer Sehnsüchte. Und ich darf dabei sein, finde Berücksichtigung bei den Leuten im Ort, sie denken an mich, schätzen mich ein und schenken mir Madonnen, die mich mitten ins Herz treffen. Zurück in der Halle soll das Bild den besten aller Orte erhalten. Es ist ein Fest, dass ein fast Fremder mich sehen kann und der Zufall ihm das Zeichen in die Hand legt, mit dem er es mir zu zeigen vermag. Maria.

In Gedenken an N.